Altöttinger Liebfrauenbote
Bild mit Schachfiguren - ein schwarzer König mit einer US-Flagge steht neben weißen und schwarzen Bauern.

Vier weitere Jahre für Obama: Der Wahlkampf in den USA und die Rolle der Religion

Who in God's name is Obama?

„Who in God`s name is Barack Obama?” – Nun, Barack Obama ist neuer alter US-Präsident. Klar, das weiß jeder! Angesichts der Medienberichterstattungen in Deutschland, hatte man ja fast den Eindruck, der US-Präsident sei allein von den Deutschen gewählt worden. Die Deutschen hätten ihn jedenfalls auch gewählt, neun von zehn gaben laut Umfragen an, den Demokraten zu favorisieren, der bei den Wahlen in den USA nur knapp gegen den Republikaner Mitt Romney siegte. Dies ist nicht der einzige Unterschied zwischen Deutschen und Amerikanern. Auch der Glaube spielte im US-Wahlkampf eine weitaus größere Rolle, als wir das hierzulande gewohnt sind. Hier der erzkonservative Mormone Mitt Romney, dort der moderate Protestant Obama. Doch was glaubt Obama eigentlich? Welche Grundüberzeugungen liegen seiner Politik zugrunde? Wie haben denn die amerikanischen Katholiken gewählt und was sagt die Kirche zu seiner Wiederwahl? Also: Wer in Gottes Namen ist Barack Obama?

Das ist gar nicht so leicht auszumachen. Wenn auch nach seinen ersten vier Jahren im Weißen Haus Ernüchterung eingekehrt ist nach all den Erwartungen, die Obama geweckt hat – nach wie vor leiten die Emotionen die öffentliche Wahrnehmung und verdecken den Blick auf die Fakten.

Obama würde sich als Politiker in Deutschland vielleicht irgendwo im liberalen Flügel der CDU einordnen. Wer weiß das schon so genau? Ziemlich sicher lässt sich jedoch sagen, dass die Mehrheit der friedliebenden Deutschen nicht goutiert, dass der Friedensnobelpreisträger Obama den amerikanischen Staatsfeind Nr. 1, Osama bin Laden, töten ließ und im Kampf gegen den Terror Drohnen einsetzt, die auch die Zivilbevölkerung treffen. Und dennoch ist Obama beliebt wie ein Fußball-Weltmeister.

Ganz anders in den USA, wo die verrücktesten Verschwörungstheorien kursieren: Jeder dritte Wähler der US-Republikaner hält den bekennenden Christen Obama für einen Muslim, nicht wenige zweifeln daran, dass er überhaupt Amerikaner ist. Der teils auch rassistisch motivierte Hass, der Obama in erzkonservativen Kreisen entgegenschlägt, trieb die republikanische Partei zu einer politischen Fundamentalopposition, die jeden noch so vernünftigen und notwendigen Kompromiss ablehnt. Allein schon deshalb haben die Republikaner ihre Wahlniederlage absolut verdient. Doch die Nation bleibt weiterhin gespalten und der nächste Kampf ist bereits abzusehen, wenn das hochverschuldete Land in ein paar Wochen über seinen Haushalt entscheiden muss.

Schmutziger Wahlkampf, konstante Überzeugungen

Wenn Obama kein Kompromiss gelingen sollte, dann wird er daran nicht ganz unschuldig sein. Denn auch der Liebling der Deutschen ist kein Heiliger. Das hat u.a. der schmutzige Wahlkampf gezeigt. Sicher, auch ein Obama muss sich gegen verlogene Wahlwerbespots wehren können. Wahlkämpfe in den USA sind traditionell das, was das Wort auch besagt: Kämpfe. Doch auch Obama beschränkte sich allein darauf, seinen Herausforderer Romney als seelenlosen Kapitalisten zu brandmarken – nicht völlig zu Unrecht, bedenkt man, dass der Kandidat 47 Prozent seiner Landsleute als „Sozialschmarotzer“ bezeichnete. Doch Obama sagte im Wahlkampf kaum etwas über wichtige Zukunftsthemen. Dies zeigt, was Obama an erster Stelle ist: ein klug kalkulierender Pragmatiker.

Und dennoch: Während Romney seine Meinung änderte, als wäre sie eine Ware, die man mal schnell aus dem Sortiment nehmen kann, versteht der ehemalige Sozialarbeiter Obama Politik als Berufung und bleibt bei seinen Überzeugungen: wie versprochen beendete er den Irakkrieg, leitete den Abzug aus Afghanistan ein, stärkte die Rolle der Frau, setzte eine historische Gesundheitsreform um. Wenn Obama Guantanamo nicht wie angekündigt schloss, kein neues Einwanderungsgesetz oder ein Klimaschutzgesetz auf den Weg brachte, lag das nicht an einer geänderten Haltung, sondern schlicht daran, dass seine Macht als Präsident dafür nicht ausreichte – im auf „Checks and Balances“ ausgerichteten politischen System der USA kommt es vor allem auf den Kompromiss an.

Stiller, aufgeschlossener Glaube contra fundamentalistischer Hetze

Immerhin: Obama sucht wenigstens nach Lösungen – seien es Regeln für eine ausufernde Finanzindustrie oder Lösungen für ein sich veränderndes Klima. Eine Tatsache, die durchaus auch auf seinen persönlichen Glauben zurückzuführen ist, wie ein Zitat Obamas aus seinem Wahlkampf 2008 belegt: „Mein Glaube lehrt mich, dass ich zwar so lange beten kann wie ich will, aber dass ich Gottes Willen erst dann ausführe, wenn ich hinausgehe und Gottes Arbeit tue.“ Doch Obama schreit seinen Glauben nicht laut heraus, er lebt ihn eher allein und im Stillen; er telefoniert lieber mit bekannten Pastoren, liest spirituelle Texte auf seinem Handy, wie er im Wahlkampf erzählte. Ganz anders die Republikaner, die sich viel fundamentaler auf ihren Glauben berufen und zunehmend den Bezug zur Realität verlieren: Sicher ist es löblich, wenn sie sich für den Lebensschutz einsetzen, doch wer die wissenschaftlichen Ergebnisse zum Klimawandel aus einem naiven „Gut gegen Böse“-Glauben heraus einfach leugnet, der kann auch keine Lösungen finden. Die Spaltung der amerikanischen Gesellschaft wird sich weiter vertiefen, wenn erzkonservative Gläubige ihre Kinder von der Schule nehmen und selbst unterrichten: dort lernen die Jüngsten nicht nur die Evolutionstheorie abzulehnen, sondern auch Andersdenkende. Ein stiller und aufgeschlossener Glaube, wie ihn Obama praktiziert, mag vielleicht manches Mal in die Irre führen – aber eben nur in eine Irre, die man wieder verlassen kann und nicht in eine Sackgasse!

Obama und die Katholiken

Diagramm: Ergebnis der US-Wahl nach Konfessionen. Katholiken wählten zu 50 Prozent Obama, zu 48 Prozent Romney, Protestanten zu 42 Prozent Obama und zu 57 Prozent Romney, Nicht-Religiöse zu 70 Prozent Obama und zu 26 Prozent Romney.

Anstoß erregt US-Präsident Oba-ma indessen bei Kirchenleitungen und christlichen Politikern mit den liberalen Positionen seiner Regierung bei Themen wie Abtreibung, Bioethik und Familienrecht. Zahlreiche katholische Bischöfe hatten im Wahlkampf mit Stellungnahmen Position bezogen, die manche Medien als „aggressiv“ charakterisierten. Bischof Thomas Paprocki aus Illinois bezeichnete z.B. laut KNA die Unterstützung der Demokratischen Partei für die „Homo-Ehe“ und ein „Recht auf Abtreibung“ als „immanent böse und zutiefst sündhaft“. Nach der Wahl jedoch gratulierten die katholischen Bischöfe. Auch der Papst gratulierte: Benedikt XVI. bitte darum, dass Obama mit Gottes Hilfe seine „enorme Verantwortung gegenüber seinem Land und der internationalen Gemeinschaft“ wahrnehme.

Unzweifelhaft ist die entscheidende Bedeutung des katholischen Votums. Denn Katholiken stellen ein Viertel der Wähler und beteiligten sich in höherem Maße an der Wahl als Nicht-Katholiken. Sie wählten laut Berichten der KNA Amtsinhaber Obama in einem Verhältnis von 50 Prozent gegenüber 48 für seinen Herausforderer Mitt Romney: ein Spiegelbild des Gesamtresultats. Auch die Abstufungen innerhalb des katholischen Wählerblocks – der größer ist als der jeder anderen eigenständigen Religionsgemeinschaft – entsprachen dem nationalen Trend. Weiße Katholiken stimmten mit 59 Prozent mehrheitlich für Romney. Katholiken lateinamerikanischer Herkunft hingegen gaben mit überwältigender Mehrheit, rund 75 Prozent, Obama ihre Stimme.

Verantwortung der Allgemeinheit

Fast durchweg katholisch, lässt sich der Wählerblock der „Hispanics“ erkennbar weniger von Themen leiten, die den Bischöfen am Herzen liegen. Für die Latinos zählen vielmehr soziale Gerechtigkeit und eine liberalere Einwanderungspolitik. Das zeigt: moralische Überzeugungen kann man teilen, aber nicht politisch verordnen. Und wer nur als Moralapostel auftritt, der verliert nicht nur wichtige Wählerstimmen, sondern auch urchristliche Anliegen aus den Augen: Die christliche Soziallehre zum Beispiel! Wer am gesellschaftlichen Leben teilnehmen möchte, der braucht erst einmal Chancen. Das lässt sich kaum irgendwo so gut beobachten wie in den USA: Das oberste eine Prozent der Bevölkerung kassiert 20 Prozent des Einkommens – Tendenz steigend. Wer arm ist, der bleibt meistens arm. Der freie Markt regelt eben nicht alles, z.B. nicht den Katastrophenschutz nach einem verheerenden Hurrikan und auch nicht den Klimaschutz, um solche Ereignisse möglichst einzudämmen. Obama hat dies erkannt. Er betonte die soziale Verantwortung der Allgemeinheit, ganz so wie es das Subsidiaritätsprinzip vorschreibt. Ein Gesundheitsschutz für alle ist dabei ein wichtiger Baustein. Eine gerechtere Bildungspolitik und eine funktionierende Infrastruktur bleiben wesentliche Herausforderungen.

Lieber langweilig als gespalten

Vor vier Jahren wurde Obama wie ein Messias gefeiert und nach wie vor weckt er Emotionen – positive wie negative. Ob der Pragmatiker Obama auch einen Weg findet, die Nation zu einen und Politik zu „machen“, bleibt eine spannende Frage. In jeden Fall war der amerikanische Wahlkampf sehr lehrreich: Wenn fundamentalistische Moralapostel und ein rhetorisch begabter Charismatiker die Politik bestimmen, dann dokumentiert und untermauert dies eine bereits vorhandene Spaltung der Gesellschaft. Mögen unsere deutschen Politiker zwar eher langweilig sein, doch die Atmosphäre in der deutschen Politik ist angenehm sachlich. Solange die Themen sowie die Perspektive der Vernunft und nicht einzelne Personen und Gefühle im Vordergrund stehen, haben auch (religiöse und moralische) Grundüberzeugungen die Chance, ernsthaft gehört zu werden. So kommen wir – so sympathisch dieser US-Präsident zweifellos ist – „in Gottes Namen“ auch weiterhin ohne einen Barack Obama aus.

Text: Michael Glaß, Foto: Fotolia