Altöttinger Liebfrauenbote
Papst Benedikt XVI. betet bei seinem Altötting-Besuch 2006 vor dem Gnadenbild.

Papst-Botschaft zum Weltfriedenstag am 1. Januar

"Der Friede ist kein Traum – er ist möglich"

Papst Benedikt XVI. hat in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag am 1. Januar 2013 scharfe Kritik am "ungeregelten Finanzkapitalismus" geäußert. In der Botschaft, die unter dem Leitwort "Selig, die Frieden stiften" steht, forderte der Papst nicht nur ein gerechtes Wirtschafts- und Entwicklungsmodell. sondern betonte insbesondere auch die Bedeutung des Lebenschutzes und die Rolle der Familie. Trotz Spannungen, Konfliktherden und Fanatismen – "Der Friede ist kein Traum, keine Utopie: Er ist möglich", ist der Papst überzeugt.

Vor allem die scharfe Kapitalismus-Kritik von Papst Benedikt XVI. prägt die diesjährige Friedensbotschaft.

"Zu den heute am meisten bedrohten sozialen Rechten und Pflichten gehört das Recht auf Arbeit", hält er fest. Keinesfalls dürfe die Arbeit allein "als eine abhängige Variable der Wirtschafts- und Finanzmechanismen" betrachtet werden. Benedikt XVI. fordert, "allen Zugang zur Arbeit zu verschaffen und für den Erhalt ihrer Arbeitsmöglichkeit zu sorgen".

Statt eines Wirtschaftsmodells, das lediglich "die größtmögliche Steigerung des Profits und des Konsums in einer individualistischen und egoistischen Sicht" fordere, setzt sich der Papst für "das Prinzip der Unentgeltlichkeit als Ausdruck der Brüderlichkeit und der Logik der Gabe", für "Beziehungen der Fairness und der Gegenseitigkeit" ein.

Konkret fordert Benedikt XVI.: "Im wirtschaftlichen Bereich ist – besonders seitens der Staaten – eine Politik der industriellen und landwirtschaftlichen Entwicklung erforderlich, die den sozialen Fortschritt und die Ausbreitung eines demokratischen Rechtsstaates im Auge hat. Grundlegend und unumgänglich ist außerdem die ethische Strukturierung der Währungs-, Finanz- und Handelsmärkte; sie müssen stabilisiert und besser koordiniert und kontrolliert werden, damit sie nicht den Ärmsten Schaden zufügen."

Weit schwerwiegender als die derzeitige Finanzkrise beurteilt Papst Benedikt XVI. die Nahrungsmittelkrise. "Das Thema der Sicherheit der Nahrungsmittelversorgung ist aufgrund von Krisen, die unter anderem mit plötzlichen Preisschwankungen bei den landwirtschaftlichen Grundprodukten, mit verantwortungslosem Verhalten einiger Wirtschaftsunternehmer und mit unzureichender Kontrolle durch die Regierungen und die Internationale Gemeinschaft zusammenhängen, erneut ins Zentrum der Tagesordnung der internationalen Politik gerückt", stellt er fest. Der Papst setzt sich dafür ein "Bauern, besonders in den kleinen Landwirtschaftsbetrieben, in die Lage zu versetzen, ihre Tätigkeit würdig, sozial vertretbar, umweltfreundlich und wirtschaftlich nachhaltig zu entfalten".

Ehe, Lebensschutz, Religionsfreiheit

"Spannungen und Konfliktherde", eine zunehmende "Ungleichheit zwischen Reichen und Armen",  eine "Dominanz einer egoistischen und individualistischen Mentalität", "Terrorismus und internationale Kriminalität" sowie "Fundamentalismen und Fanatismen", "die das wahre Wesen der Religion verzerren" – Papst Benedikt XVI. verschließt nicht die Augen vor den vielen Problemen, sondern spricht sie gleich zu Beginn seiner Botschaft an. Und dennoch kommt er zu seiner optimistischen Einschätzung, wonach Friede möglich sei. Diese basiert auf den "vielfältigen Werken des Friedens, an denen die Welt reich ist" sowie auf dem "Wunsch nach Frieden" und nicht zuletzt auf den von Jesus verkündeten "Seligpreisungen", denen auch das Leitwort für seine Botschaft entstammt – ein litararisches Genus, das nicht nur moralische Empfehlungen ausspricht, sondern stets in "einer Verheißung gipfelt", wie der Papst erklärt.

Eine Verheißung, die jedoch nicht umsonst zu haben ist – Friede sei "messianisches Geschenk und zugleich Ergebnis menschlichen Bemühens", stellt Benedikt XVI. klar und ergänzt: "Tatsächlich setzt der Friede einen auf die Transzendenz hin offenen Humanismus voraus." Dieser erfordere eine "Ethik der Gemeinschaft und des Teilens" sowie die "Anerkennung eines von Gott in das Gewissen eines jeden Menschen eingeschriebenen, unabdingbaren natürlichen Sittengesetzes".

Natürlich betont Benedikt XVI. die Bedeutung des Gebetes, des "Gesprächs mit Gott". Vor allem aber ist es die Frage nach der "wahren Natur des Menschen", die ihn beschäftigt. Stichwort Lebensschutz, Ehe und Familie, Religionsfreiheit. "Wie kann man denn meinen, den Frieden, die ganzheitliche Entwicklung der Völker oder selbst den Umweltschutz zu verwirklichen, ohne dass das Recht der Schwächsten auf Leben – angefangen bei den Ungeborenen – geschützt wird?", fragt der Papst etwa im Hinblick auf die Liberalisierung der Abtreibung. Er betont die "natürliche Struktur der Ehe als Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau" und kritisiert Bestrebungen "sie rechtlich gleichzustellen mit radikal anderen Formen der Verbindung, die in Wirklichkeit die Ehe beschädigen und zu ihrer Destabilisierung beitragen". Der Papst spricht hierbei von Grundsätzen, die "in die menschliche Natur selbst eingeschrieben, mit der Vernunft erkennbar und so der gesamten Menschheit gemeinsam" seien. Vehement tritt er schließlich ein für das "das Recht der einzelnen und der Gemeinschaften auf Religionsfreiheit".

Wohl der Familie

In einem weiteren Kapitel appelliert Papst Benedikt XVI. "sich mit ganzer Hingabe für das allgemeine Wohl der Familie und für die soziale Gerechtigkeit sowie für eine wirksame soziale Erziehung einzusetzen". Er betont: "Niemand darf die entscheidende Rolle der Familie, die unter demographischem, ethischem, pädagogischem, wirtschaftlichem und politischem Gesichtspunkt die Grundzelle der Gesellschaft ist, übersehen oder unterbewerten."

Schließlich legt Papst Benedikt XVI. den Menschen eine "Pädagogik des Friedens" und eine "Pädagogik der Vergebung" ans Herz. Diese erforderten "aktives Handeln, Mitleid, Solidarität, Mut und Ausdauer." – "Jesus verkörpert das Ganze dieser Verhaltensweisen in seinem Leben bis zur völligen Selbsthingabe, bis dahin, das Leben zu 'verlieren'".

Text: Michael Glaß, Foto: Hildegard Pollety

Kommentar

"Die auf Gott und seine Verheißungen vertrauen, erscheinen in den Augen der Welt häufig einfältig und realitätsfern", bemängelt der Papst in einem Nebensatz seiner Friedensbotschaft. Das stimmt, oft genug sind Christen heute in Europa Kritik ausgesetzt, die manchmal auch in Spott ausartet. Papst Benedikt XVI. ist in seiner Botschaft zweierlei gelungen – er hat diese Kritik bravourös entkräftet – und ihr gleichzeitig neue Nahrung gegeben.

Benedikt XVI. formuliert in seiner Botschaft ein Ideal – ein Ideal von Friede, von Gerechtigkeit, von Familie. Ideale kollidieren zwangsweise mit der Realität und das sollen sie auch – sie sollen provozieren, zum Nachdenken anregen und Veränderungen bewirken – sie sollen Mauern einreißen, die die Menschen auf ihren Weg hin zu einer friedlicheren und gerechteren Gesellschaftsordnung behindern. Ideale sind nicht per se realitätsfern, Ideale machen die Menschen erst zukunftsfähig, sie sind stark, wenn sie die Menschen aus ihrer Lebenswirklichkeit abholen und sie sind nicht einfältig, wenn sie Menschen in ihrer Vielfalt respektieren.

Zunächst steht hier Benedikts XVI. Kritik am Finanzkapitalismus. Einfältig und realitätsfern ist diese beileibe nicht. Im Gegenteil. Der Papst hat die Schwachpunkte erkannt und klar angesprochen: Ein Wirtschaftsmodell, das auf der Annahme ewigen Wachstums basiert, ist bestenfalls naiv und schlimmstenfalls zerstörerisch. Der Papst wirbt für „nachhaltiges“ Wirtschaften und er stellt dem Profitdenken und der Ideologie nackter Zahlen „eine Ethik der Gemeinschaft und des Teilens“ entgegen. Diese beruht auf gegenseitigem Respekt. Einsam ist, wer nur "zählt", aber nicht geachtet wird. Ein christlicher Glaube, der vor allem auf nur einem wesentlichem Gebot – auf dem Gebot der Nächstenliebe – basiert, kann hier wichtiger Bezugs- und Ankerpunkt sein. Ein Bezugspunkt auch für Andersgläubige, ebenso für Agnostiker und Atheisten, die christliche Ideen von Gerechtigkeit teilen (vgl. auch Artikel zu Hans Joas). Ein Bezugspunkt für die gesamte „Menschheitsfamilie“ – denn viele haben längst eingesehen, dass eine globalisierte Weltgemeinschaft, die rücksichtslos ihre Ressourcen verbraucht, keine Zukunft hat. Die Menschen warten hier auf Antworten, auf Ideale, die neue Perspektiven eröffnen und sie nehmen diese Antworten gerne an – erst recht, wenn sie von einem Papst kommen.

Leider bleiben die kritischen Worte des Papstes zur Finanzmarktkrise vielfach ungehört. In der medialen Berichterstattung überwiegt die Kritik an seinen Äußerungen zur Ehe zwischen Mann und Frau, die er explizit gegen "andere Formen der Verbindung, die in Wirklichkeit die Ehe beschädigen", verteidigt. Sicher, Papst Benedikt XVI. verteidigt hier nur die katholische Lehre, doch war es notwendig, diesen Teil der Lehre ausgerechnet in einer Friedensbotschaft so explizit zu betonen? Hierzulande versteht kaum noch jemand, wieso diese „anderen Verbindungen“ die Ehe zwischen Mann und Frau stören sollten, erst recht nicht, wenn Menschen in solchen Verbindungen friedlich (!) zusammenleben, füreinander einstehen und sich engagiert in die Gesellschaft einbringen, während sie in einigen anderen Ländern nach wie vor verfolgt, schikaniert und teils auch umgebracht werden. Was stört den Frieden mehr? Diese „anderen Verbindungen“ oder die Gewalt und die Diskriminierung? Und wieso sollte eine staatliche Regelung, die entsprechend der Lebenswirklichkeit Rechte und Pflichten ausbalanciert, ein katholisches Sakrament untergraben? Der Staat regelt nur die Zustände, wie sie sich darstellen, Ideale hingegen lassen sich nicht per Gesetz erzwingen, sondern nur mit Argumenten vertreten. Das Ideal der Ehe ist ein hohes Gut und Papst Benedikt XVI. betont den hohen gesellschaftlichen Wert einer Ehe zwischen Mann und Frau völlig zurecht, doch er schwächt dieses Ideal, wenn er es gegen die Lebenswirklichkeit ausspielt. Um Missverständnissen vorzubeugen, wäre zumindest eine ausdrückliche Zurückweisung jeglicher Form von Diskriminierung, wie sie Papst Benedikt XVI. schon oftmals äußerte, auch an dieser Stelle wünschenswert gewesen.

Kommentar: Michael Glaß