Altöttinger Liebfrauenbote

Zu Weihnachten bei den Mapuche in der Atacama-Wüste

Heiß statt weiß

Weihnachten in der Wüste? Für das europäische Gemüt wohl eher eine Zumutung. Nicht nur dass es dort viel zu heiß ist, auch die ausgelassene Atmosphäre passt so gar nicht zur europäischen Vorstellung einer besinnlichen Weihnacht. Oder ist das Weihnachtsfest der Mapuche vielleicht gerade wegen seiner Andersartigkeit eine Gelegenheit zu Andacht und Besinnung? An Frömmigkeit und Marienglaube fehlt es dem indigenen Volk in Chile jedenfalls ganz gewiss nicht.

Weihnachten bei den Mapuche in der Atacama-Wüste: Männer mit großen Trommeln in einer Prozession durch die Dorfstraßen.
Weihnachten bei den Mapuche in der Atacama-Wüste: Prozession.

Es ist schon eine seltsame Prozession, die sich da vor den Augen des Betrachters abspielt – zwei Tage vor Heiligabend in dem chilenischen Dorf San Pedro de Atacama. Eine Prozession? Oder doch eher ein Tanz? Den Staub der Dorfstraße aufwirbelnd, erwecken die wilden bis ekstatischen Bewegungen mitunter den Eindruck eines uralten, gut gehüteten Rituals, das hier mittels Körpereinsatz von den Mapuche, den einheimischen Indios, zum Ausdruck gebracht wird.

Angeführt wird der Umzug von jungen Mädchen, festlich herausgeputzt in Kopftüchern, leuchtend weißen Hemden und bis zum Boden reichenden, wallenden Röcken. In einigem Abstand folgen die anderen Teilnehmer, folgt schließlich die ganze Dorfgemeinschaft. Wenn es so etwas wie ein Zentrum des Geschehens gibt, dann besteht es aus einer Gruppe Männer mit entschlossener, beinahe grimmig wirkender Miene. Mit ihren Blas- und Schlaginstrumenten umringen sie einen aus ihrer Mitte, den nämlich, der die schwerste Last zu tragen hat. Ungerührt schleppt der Mann an seinem breiten Schultergurt Stunde um Stunde eine Trommel mit sich, in deren gewaltigen Bauch sich glatt ein ausgewachsener Mensch einrollen könnte.

Die Wüste bebt

Tanzende Frauen bei der Prozession.
Fröhliche Prozession mit Tanz und Musik.

Begonnen hat das lautstarke Schauspiel in dieser kleinen Siedlung inmitten der Atacama-Wüste vor dem Gotteshaus. Das allerdings geschah zu „gottloser“ Stunde: Seit vier Uhr in der Nacht ertönen die dumpfen, eintönigen, markerschütternden Trommelschläge. Unerbittlich und nahezu ununterbrochen werden sie den merkwürdigen Aufmarsch bis in den Nachmittag hinein begleiten, geben den Tanzenden den Takt vor.

Merkwürdig wirkt der Umzug schon allein deshalb, weil Frauen wie Männer zwar ständig in Bewegung sind, zugleich jedoch nur im Schneckentempo vorwärts kommen. Das liegt zum einen daran, dass ihre Bewegungsabläufe von immer wiederkehrenden Sprüngen und seitlichen Ausfallschritten geprägt sind.

Vor allem aber hält der Prozessionszug an jeder Ecke inne, kehrt in jede Tür und jede Pforte ein. In den Innenhöfen der Nachbarschaft versammeln sich die Teilnehmer um kleine, zur Feier des Tages geschmückte Marienaltäre. Hier wird gebetet, gesungen, getanzt, geredet. Und natürlich getrunken – im Norden Chiles herrschen das ganze Jahr über Wüstenbedingungen mit extremer Sonneneinstrahlung und hohen Temperaturen. Und das den ganzen Tag, während es nachts deutlich abkühlt.

Niederschläge gibt es fernab der Küstenregion so gut wie nicht, die menschenfeindliche Atacama-Wüste gilt als die trockenste der Welt. San Petro de Atacama selbst ist geprägt von staubigen Straßen und Adobehäusern; tatsächlich erweckt das Dorf den Eindruck eines Zufluchtsorts von der Zivilisation. So allgegenwärtig während der heutigen Feier die aufwändig mit Blumengirlanden verzierten Marienfiguren sein mögen: Nichts scheint hier wenige Stunden vor Heiligabend weiter entfernt als das europäische Wunschbild einer weißen Weihnacht.

Text und Fotos: Peter Beyer (storymacher)

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Prozession mit einer Marienfigur.
n mehreren Altären im Dorf wird ein Gebet gesprochen.
Während des Gottesdienstes tanzen die Mapuche in der Kirche vor der Marienfigur.
Nach dem Gottesdienstes tanzen die Mapuche vor der Kirche.