Altöttinger Liebfrauenbote

Das Prager Jesulein ist auch in Bayern zuhause

Ein Kind verzaubert die Welt

Von der böhmischen Metropole Prag trat es sozusagen seinen Siegeszug an und wurde weltweit bekannt und verehrt. Auch in der bayerischen Bischofsstadt Regensburg ist es gleich zweimal zu Hause: das „Pražské Jezulátko“, wie das „Prager Jesulein“ auf Tschechisch heißt.

Auf der Prager Kleinseite ist das „Pražské Jezulátko“ allgegenwärtig – ein Schild mit dem Prager Kindl ziert eine Hauswand.
Auf der Prager Kleinseite ist das „Pražské Jezulátko“ allgegenwärtig.

Als im Jahre 1628 die böhmische Adlige, Fürstin Polyxena von Lobkowicz dem Karmelitenkloster „Maria vom Siege“ auf der Prager Kleinseite die Wachsstatue eines Jesuskindes schenkte, wird sie wohl nicht geahnt haben, welche Verehrung ihm später einmal zukommen würde. Die Statue war im Besitz einer spanischen Adelsfamilie gewesen und als Hochzeitsgeschenk nach Böhmen in die Familie von Pernstein gekommen. Als nun das letzte männliche Mitglied dieser Familie verstarb, vermachte Polyxena von Lobkowicz, die 45 cm große Darstellung des etwa dreijährigen Jesusknaben dem Kloster auf der Kleinseite und gab es somit in die Obhut der Unbeschuhten Karmeliten. Dort diente es den Novizen in der ersten Zeit als Andachtsbild.

Während des Dreißigjährigen Krieges fielen 1631 die Sachsen in Prag ein und hackten dem Jesuskind die Hände ab und warfen es hinter den Altar. Erst Jahre später konnte es repariert und wieder zur Verehrung durch die Gläubigen aufgestellt werden. Es ereigneten sich zahlreiche Wunder, der Pilgerstrom wuchs an und sein Ruf ereilte sogar den Kaiser, der eigens kam, um das „Prager Jesulein“ zu verehren und es reichlich zu beschenken. Altäre wurden ihm gewidmet, Prozessio-nen abgehalten und alle Register barocker Frömmigkeit gezogen.

Als im Jahre 1741 die Kapelle mit dem Gnadenbild für die unzähligen Pilger zu klein wurde, gab man ihm an einem Seitenaltar den Platz, den es heute noch auf der rechten Seite in der Kirche hat. Kaiser Josef II. löste 1784 im Rahmen seiner Kirchenreformen das Karmelitenkloster auf und die Malteser betreuten von nun an die Kirche und ihren „Schützling“.

Im 19. Jahrhundert verbreitet sich die Verehrung weit über Böhmen und Europa hinaus bis nach Südamerika und Asien. Aus der ganzen Welt kamen auch Geschenke, wie Kronen und Gewänder, so ein Kleid aus einem Karmel in Shanghai. Und das Jesulein selbst trat seine Reise in die Welt an, denn schon immer waren Kopien für Orden oder auch Privatpersonen angefertigt worden. Bis hin nach Asien, dort besonders auf den Philippinen, gingen Nachbildungen des Prager Gnadenbildes.

Ein Kind, das fasziniert

Ein „Prager Jesulein“ im Regensburger Stadtteil Kumpfmühl in der Karmelitenkirche St. Theresia.
Ein „Prager Jesulein“ im Regensburger Stadtteil Kumpfmühl in der Karmelitenkirche St. Theresia.

Was aber nun macht die Faszination einer 45 cm großen, mit Wachs ummantelten Holzfigur aus, die in jeweils fünf Gewänder übereinander gehüllt ist und ein Repertoire von rund 100 Ausstattungen hat? Welche Kraft geht von diesem Gnadenbild aus, dass Kaiser und Könige zu ihm kamen, Heilige und Selige seine Hilfe und Fürbitte anriefen, wie die Hl. Kirchenlehrerin Theresia von Avila oder die Hl. Märtyrerin Teresia Benedicta a Cruce, besser bekannt als Edith Stein?

Als Papst Benedikt XVI. am 26. September 2009 seine Apostolische Reise in die Tschechische Republik antrat, stattete er der Kirche Maria vom Siege und dem Gnadenbild des „Prager Jesulein“ einen Besuch ab. So wie in den Jahrhunderten zuvor Herrscher und Kirchenfürsten die Statue mit prächtigen Gewändern bedachten, so schenkte er ihm eine goldene Krone. In seiner Ansprache enthüllte er sozusagen das Geheimnis dieser bald 400jährigen Verehrung: „Das Standbild des Jesuskindes lässt uns sogleich an das Geheimnis der Menschwerdung denken, an den Allmächtigen Gott, der Mensch geworden ist und dreißig Jahre in der einfachen Familie von Nazareth gelebt hat…“

Gottes Größe war und ist es, dass er in einem kleinen Kinde zu den Menschen gekommen ist, um ihnen nahe zu sein. Dies Geheimnis des Glaubens war es auch, das den französischen Schriftsteller Paul Claudel zu seinem Gedicht „Das Prager Jesulein“ inspirierte. Die Heilige Karmelitin Schwester Teresia Benedicta a Cruce verehrte es innig bis zu ihrem Martyrium. Das Große für sie bestand darin, dass Gott in Kindesgestalt alles in seinen Händen hält.

Von der Moldau an die Donau

In der Regensburger Karmelitenkirche St. Joseph gibt es bereits seit 1740 eine Kopie des „Prager Jesulein“, das neun Tage vor Weihnachten der Mittelpunkt der alljährlichen Christkindl-Andachten ist – Bild vom Altar.
In der Regensburger Karmelitenkirche St. Joseph gibt es bereits seit 1740 eine Kopie des „Prager Jesulein“, das neun Tage vor Weihnachten der Mittelpunkt der alljährlichen Christkindl-Andachten ist.

Kopien des „Prager Jesulein“ gibt es heute europa- und weltweit in zahlreichen Karmelitenklöstern, in Regensburg gleich zweimal.

Für das Karmelitenkloster St. Joseph am Alten Kronmarkt legten im Jahre 1641 Kaiser Ferdinand III. und Kaiserin Maria höchstpersönlich den Grundstein. Im Jahre 1697 stiftete ein Mitglied des fürstlichen Hauses von Lobkowicz eine Novene zur Vorbereitung auf das Fest der Geburt des Herrn, die heute noch bestehende Christkindl-Andacht. Vom 16. bis zum 24. Dezember eines jeden Jahres hält jeden Tag ein anderer Geistlicher diese Andacht, am letzten Tag der Diözesanbischof selbst. Im Zentrum dieser neuntägigen Andacht steht natürlich das Gnadenbild des „Prager Jesuleins“, das am Heilig Abend feierlich auf den Hochaltar übertragen wird. Mit traditionellen, volkstümlichen Weisen, dargebracht von Künstlern aus der Region, werden die neun Andachten kirchenmusikalisch umrahmt. Seit 1740 ist St. Joseph auch im Besitz einer Kopie des Gnadenbildes aus Prag. Es befindet sich hinter Glas auf dem heutigen Theresienaltar im hinteren Teil der Kirche.

Als vor über hundert Jahren im Stadtteil Kumpfmühl die Karmelitenkirche St. Theresia erbaut wurde, bekam auch sie nach guter karmelitischer Tradition ein „Prager Jesulein“, das seinen Platz ebenfalls in einem Altar auf der rechten Seite fand und auch heute noch dort steht. Seine Botschaft ist jene, die alle Darstellungen weltweit verkünden: Gott kam zu den Menschen in Gestalt eines Kindes.

Text und Fotos: Carl Prämaßing