Altöttinger Liebfrauenbote

Über die bayerischen Wurzeln des Weihnachtsliedes, das vor rund 200 Jahren erstmals gedruckt wurde

„Ihr Kinderlein kommet...“

„Ihr Kinderlein kommet...“ – wer kennt nicht dieses anmutige Weihnachtslied. Gedichtet vom katholischen Pfarrer Schriftsteller Christoph von Schmid, wurde es vor rund 200 Jahren erstmals gedruckt. Doch wo wurde es verfasst? Das lässt sich heute nicht mehr so genau bestimmen. Eine Spur führt in den Wallfahrtsort Maria Schnee.

„Das Weihnachtslied hat nicht nur eine lange Geschichte mit vielen Entwicklungsstufen erlebt, sondern wie viele Bräuche auch seinen Ursprung in der Liturgie“, erklärt der Kölner Theologe Manfred Becker-Huberti. „Seit dem 3. Jahrhundert sind für Weihnachten spezielle Hymnen und Antwortgesänge nachgewiesen“, heißt es weiter in seinem „Lexikon der Bräuche und Feste“. Bereits vor Beginn der Reformation führte man in den Kirchen Krippenspiele auf, „mit Liedern angereichert, die die Gemeinde mitsang“. Lieder wie „Vom Himmel hoch“ oder „Gelobet seist du Jesus Christ“ wurden volkstümlich und fanden ihren Weg über häusliche Weihnachtsfeiern nach und nach auch in kirchliche Gesangbücher.

Hinweis in Nassenbeuren

Kapelle Maria Schnee in Nassenbeuren von außen.
Kapelle Maria Schnee in Nassenbeuren.

„Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all! Zur Krippe her kommet in Bethlehems Stall.“ – Zum unvergänglichen Schatz christlicher Weihnachtslieder gehört auch diese Dichtung des im bayerischen Dinkelsbühl geborenen katholischen Pfarrers und zu seiner Zeit sehr bekannten, doch in Vergessenheit geratenen Kinder- und Jugendschriftstellers Christoph von Schmid (1768-1854). An welchem Ort das anmutige Lied allerdings wirklich von Kaplan Schmid zuerst auf einen Zettel geschrieben wurde, ist von manchem Geheimnis umgeben. Das umso mehr, als eine Bildtafel (Bild o.r.) in der Allgäuer Wallfahrtskapelle „Maria Schnee“ in Nassenbeuren bei Mindelheim die dortige Entstehung des Textes zwischen 1791 und 1795 nachhaltig zu „dokumentieren“ scheint.

Die Lage der außen schlicht gehaltenen, innen aber unvergleichlich künstlerisch gestalteten und kostbar ausgestatteten Kapelle ist idyllisch am Ende einer Lindenallee, nahe dem Wald des 500-Seelen-Ortes Nassenbeuren im Unterallgäu. Die Anfänge des der Muttergottes geweihten Kirchleins „auf den feuchten Wiesen“ lassen sich bis ins Jahr 1655 zurückverfolgen; in seiner jetzigen Form entstand das Gotteshaus vor 300 Jahren. Regelmäßig steht „Maria Schnee“ nicht nur im Mittelpunkt von Wallfahrten, sondern wird von den Gläubigen insbesondere während der Advents- und Weihnachtszeit aufgesucht. Die barocke Kirchenbaukunst erfreut jeden Besucher und passt sich der Umgebung bestens an. Besonders heimelig wird die Stimmung dann, wenn sich zahlreiche Gläubige im Advent den Weg durch den unter den Schuhsohlen knirschenden Schnee zur Kapelle gebahnt haben und dann vor einer „überwältigenden Altarbühne“ stehen.

Eine derart romantische religiöse Stätte wird natürlich im Laufe der Jahrhunderte gern mit Sagen und Legenden bemäntelt und nährt ebenso das geheimnisvolle Geschehen um das Lied. Wünsche und Hoffnungen werden oftmals vorschnell zu Vätern von Gedanken und erlangen so rasch den Anschein von Wahrhaftigkeit.

Ein Literaturwissenschaftler zweifelt

Hinweistafel auf Pfarrer Christoph von Schmid in der Kapelle Maria Schnee.
Hinweistafel auf Pfarrer Christoph von Schmid in der Kapelle Maria Schnee.

Weil manches so gut zusammen passt, ist die Legende von der Entstehung des Liedes „Ihr Kinderlein kommet“ gerade an diesem Ort nicht abwegig. Christoph von Schmid war in Nassenbeuren ein beliebter Kaplan. Das Kirchlein bot die besten Voraussetzungen dafür, Entstehungsort eines solch innigen Weihnachtsliedes zu sein. Die Menschen waren in ihrer Frömmigkeit gegenüber derartigen „holden“ Lobpreisungen des weihnachtlichen Geschehens an der Krippe aufgeschlossen und reklamierten diese gern für „ihr“ Gotteshaus am Ort. Sollte die Tafel im Kircheninnern doch ein Fünkchen Wahrheit beinhalten?

Heimatpfleger, Volkskundler und Pfarrer nahmen sich des Themas an, fanden jedoch bis heute keine zuverlässigen Aufzeichnungen und folgerichtigen zeitlichen Übereinstimmungen hinsichtlich der Entstehung des Liedes an diesem Ort im Allgäu. Zur Lösung des Rätsels trägt in mancherlei Hinsicht am kompetentesten der bayerische Literaturwissenschaftler Professor Dr. Hans Pörnbacher aus Wildsteig bei. Er beschäftigte sich eingehend mit dem Leben und den Werken des „Priesterdichters“. Er kommt zu der Ansicht: „Niemand weiß, wann das Gedicht ,Ihr Kinderlein kommet‘ entstanden ist. Ich glaube nicht, dass die Zeit in Nassenbeuren in Frage kommt. Die Tafel im Innern der Kapelle ist bloße Erfindung. Aber das ist alles ganz idyllisch und gefällt den Leuten. So hat sich die Sage verbreitet und gehalten.“ In seiner Sammlung von Schmids Texten im Bändchen „Weihnachten“ geht der Wissenschaftler näher darauf ein. Er hebt den kindgerechten Ton von Schmids Weihnachtslied, der nicht ohne Ernst ist, hervor, lobt dessen weihnachtliche Stimmung, die nicht beim Gemüthaften stehen bleibt: „Das Lied weckt die Welt der Krippe und reflektiert zugleich die heilsgeschichtliche Bedeutung des Geschehens.“

Gegen den Ursprung des Liedes in Nassenbeuren spricht jedoch, dass davon in gleichzeitigen Briefen und Tagebuchblättern Schmids nichts zu finden ist. Erst an seiner nächsten Wirkungsstätte als Benefiziat in Thannhausen an der Mindel beginnen Schmids „schriftstellerische Versuche dieser Art“ mit einem Gedicht „Die Kinder bey der Krippe“, das somit vor rund 200 Jahren die Grundlage für das Weihnachtslied bildete. Gedruckt erschien der Text erstmals 1811, vertont wurde das Gedicht 1837 von Franz Xaver Luft. „Durchgesetzt hat sich schließlich aber“, so meint Professor Pörnbacher, „für dieses volkstümliche Weihnachtslied eine Melodie des Komponisten Johann Abraham Peter Schulz (1747-1800)“, einst ein bekannter Komponist, der unter anderem in damaliger Zeit als Dirigent auch in Berlin wirkte.

Allseits beliebt

Altar mit Gnadenbild in der Kapelle Maria Schnee.
Altar mit Gnadenbild in der Kapelle Maria Schnee.

Die Aussage auf der Hinweistafel in der Kapelle Maria Schnee in Nassenbeuren darf wohl zu Recht als Irrtum angezweifelt werden. Es ist sicher verständlich, an den beliebten Kaplan Christoph von Schmid, der seinerseits mit Freude an sein dortiges Wirken zurückdachte, nach seinem Weggang auf diese Weise zu erinnern, obwohl er dem Dorf an der Mindel längst zuvor in seinen „Erinnerungen“ bereits ein Denkmal gesetzt hatte. Man mutmaßt, dass Schmid mit seinem weit verbreiteten Weihnachtslied viel eher an seine Heimat im romantischen Dinkelsbühl dachte. Sowohl in katholischen, wie auch evangelischen Gemeinden gehörte es bald zum Schatz der verbreiteten Weihnachtsmelodien und fand als Kirchenlied sogar Aufnahme in evangelische Gesangbücher.

Die Legende von der Entstehung des Liedes und die Beweggründe darum haben jedoch eines bewirkt: Noch immer erklingt nach den anfänglichen handschriftlichen Notizen auf einem Blatt Papier und dem dann folgenden Druck des Textes zu jeder Christmette nicht nur in Maria Schnee, sondern in der Heiligen Nacht auch in vielen anderen Kirchen und Kapellen sowie zur Bescherung in unzähligen Wohnstuben das Lied „Ihr Kinderlein kommet“.

Dazu schreibt Professor Hans Pörnbacher versöhnlich: „Es ist nicht so entscheidend, an welchem Ort Schmid das Lied aufgezeichnet hat, Hauptsache es gefällt uns...“ und ermöglicht auch in der Kapelle Maria Schnee vielen Gläubigen und den festlich gestimmten Menschen alljährlich, sich Gedanken über die Entstehung des populären Liedes des einstigen Kaplans von Nassenbeuren an der Mindel zu machen.

Text: Karl-Heinz Wiedner, Fotos: Mechthild Wiedner

Die Kapelle Maria Schnee in Nassenbeuren ist nach Anmeldung im Pfarramt zu besichtigen.