Altöttinger Liebfrauenbote

Soziologe Hans Joas über die universelle Erfahrung von Glaube und Gewissheit und über seine Haltung zur katholischen Kirche

"Ich bin der Meinung, dass die Botschaft des Christentums von unerhörter Aktualität ist"

"Ich bin der Meinung, dass die Botschaft des Christentums von unerhörter Aktualität ist", sagt der renommierte Soziologe Hans Joas in einem Interview von ZEIT Wissen. Der Permanent Fellow am Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS) und Professor an der  University of Chicago, der im Sommersemester 2012 als erster Wissenschaftler die neu geschaffene Gastprofessur der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung an der Universität Regensburg innehatte, sieht das Christentum im Aufschwung. Im Interview erklärt er u.a. auch, was Atheisten und Gläubige gemeinsam haben.

Vor allem das "Ethos der Nächstenliebe" macht das Christentum für Joas aktuell: "Für mich hat die Vorstellung, dass es ein Überschreiten des Eigennutzes und der Dynamik der Konflikteskalation gibt, lebenslang eine ins Mark gehende Attraktivität. Das ermöglicht eine Vision des Ausstiegs aus Gewaltspiralen, der nicht von vornherein in der Natur des Menschen angelegt ist", sagt er im Gespräch mit ZEIT Wissen. Gleichzeitig warnt er aber auch vor Naivität: "Wir dürfen das Liebesethos nicht naiv verstehen. Sonst heißt es am Ende: 'Schieb mal rüber. Du bist doch Christ und musst immer nachgeben.' So ist das nicht gemeint."

Insgesamt sieht der Soziologe das Christentum im Aufwind: "Man muss sich vor Augen führen, dass wir derzeit, global gesehen, eine der größten Expansionsphasen des Christentums in der Geschichte erleben. In China, Südkorea, Afrika nimmt die Zahl der Christen rasant zu. Nur nehmen das viele in Europa gar nicht zur Kenntnis, sondern blicken eher nostalgisch auf das Mittelalter zurück. Die aktuelle Entwicklung erscheint dann als Verfall." Wenn in Europa sich heute viele Menschen enttäuscht von der Kirche abwenden, dann liege dies auch daran, "dass sich die Kirchen mit den verschiedensten politischen Ordnungen immer wunderbar arrangiert haben, statt für das Ethos des Christentums einzutreten". Eine Konkurrenzsituation mit anderen Glaubensrichtungen befürchtet der Soziologe nicht: Pluralität störe niemanden, sagt er, "im Gegenteil, sie sorgt dafür, dass die Religion im öffentlichen Leben präsent bleibt. Ich plädiere nicht für die Entleerung öffentlicher Plätze von religiösen Symbolen, sondern für die Vervielfältigung dieser Symbole."

Ohne Gott keine Moral?

Angesichts einer zunehmenden Säkularisierung der europäischen Gesellschaften rät Joas zu mehr Gelassenheit – weder befürchtet er einen Moralverfall noch glaubt er an eine unausweichliche Zurückdrängung des Religiösen.

Auch der Atheist kann laut Joas moralisch handeln: "Es stimmt nicht, dass Nichtgläubige notwendig unglücklicher wären, unmoralisch und zu altruistischen Handlungen nicht in der Lage. Das zeigen beispielsweise stark säkulare Länder wie Schweden. Eine Gesellschaft ist auch ohne Religion stabilisierbar. Dieser Befund macht manche Untergangspropheten ganz wütend."

Entscheidend für Joas ist jedoch, dass Gläubige und Atheisten eine gemeinsame Basis hätten, um über den Glauben zu reden – eine "Haltung des Vertrauens und der Gewissheit vor aller Reflexion". Joas: "Auch der militanteste Atheist weiß ja, was ein tief sitzendes Vertrauensgefühl ist. Wir alle würden seelisch zusammenbrechen, hätten wir nicht Erfahrungen der Geborgenheit bei anderen Menschen. Solche Erfahrungen, die fundamentale Gewissheiten konstituieren, sind allen Menschen zugänglich. Von da aus ist der Zugang zum Glauben im anspruchsvolleren Sinn zu bahnen." Der Soziologe spricht in diesem Zusammenhang von "Selbsttranszendenz", eine "universelle Erfahrung" zu der alle Zugang hätten – ähnlich wie "Gefühle der Liebe". Den Unterschied zwischen Atheisten und Gläubigen sieht Joas vor allem in der Deutung dieser Erfahrungen: "Religionen offerieren für Erfahrungen der Selbsttranszendenz ein bestimmtes Repertoire an Deutungen. Atheisten halten genau diese Deutungen für Illusionen. Was wir brauchen, ist eine Auseinandersetzung über die Deutung von Erfahrungen, die wir teilen. Vorbei ist es dann mit dem Eindruck, Gläubige hätten ein Geheimwissen, das Nichtgläubigen prinzipiell verschlossen sei."

Reformen, aber keine Anpassung

Joas rät davon ab, dass die Kirchen ähnlich wie politische Parteien "populäre Haltungen einnehmen". Die Kirchen sollte mehr riskieren: "Sie müssten in den USA energischer gegen die Todesstrafe sein oder hätten vehementer gegen den Irakkrieg auftreten können." Außerdem tritt Joas für Reformen in der katholischen Kirche ein; u.a. wünscht er sich ein Frauenpriestertum.

Text: Michael Glaß