Altöttinger Liebfrauenbote
1946 produzierte der Stuttgarter Verleger Richard Sellmer – anfangs im Wohnzimmer – als erstes Motiv „Die kleine Stadt“ vollständig von Hand und stellte den Kalender auf der Frankfurter Messe vor. Das Bild zeigt eine Aufnahme des Kalenders mit vi
1946 produzierte der Stuttgarter Verleger Richard Sellmer – anfangs im Wohnzimmer – als erstes Motiv „Die kleine Stadt“ vollständig von Hand und stellte den Kalender auf der Frankfurter Messe vor.

Zur Geschichte der Adventskalender

Vierundzwanzig Mal Vorfreude

Adventskalender sollen Kindern die Zeit bis Heiligabend verkürzen und versüßen. Heute zunehmend kommerzialisiert vermarktet, gehen sie auf religiöse Bräuche des 19. Jahrhunderts zurück.

Kalender mit einem Bild der Frauenkirche in Dresden.
Kalender mit einem Bild der Frauenkirche in Dresden.

Lang ist’s her, als gläubige Christen mit dem Begriff „Adventus“ in erster Linie die Vorbereitung auf die Ankunft des Erlösers, auf das Fest der Geburt Christi verbanden. Die Vorweihnachtszeit leitet das neue Kirchenjahr ein. Kirchliches und weltliches Brauchtum zielte darauf ab, die Gläubigen in Erwartungshaltung zu versetzen, die Zeit der weihnachtlichen Fastenzeit von Martini bis zum Christfest zu verkürzen. Heute wird adventliches und weihnachtliches Gedankengut von Jahr zu Jahr mehr und immer früher durch kommerzielle Inhalte ersetzt.

Bis ins 17. Jahrhundert lassen sich die Ursprünge des Adventskalenders zurückverfolgen. So wurden in Familien im Dezember 24 Bilder nach und nach an die Wand gehängt. Oder man malte an Wand oder Türe Kreidestriche, von denen die Kinder täglich einen wegwischen durften – so genannte Strichkalender. Vor allem in katholischen Regionen legte man Strohhalme in die noch leere Krippe, immer ein neuer Halm für jeden Tag bis zu Heiligabend.

Vom Zählholz zum Kalender

Adventskalender mit Stadtansicht.
Adventskalender mit Stadtansicht.

Volkskundler erwähnen zudem das spätmittelalterliche Klausenholz beziehungsweise Kerbholz. Als volksfrommer Gebetszählbrauch gehörte es bei Kindern auf dem Lande vor allem im süddeutschen Raum noch um 1900 zur adventlichen Abwechslung. Nach jedem Gebet und Vaterunser und nach einer guten Tat versahen Buben und Mädchen einen Holzstecken mit einer Kerbe und übergaben ihn zum Beweis ihres gottesfürchtigen, braven Verhaltens dem Nikolaus.

Die ersten selbst hergestellten Vorläufer des Adventskalenders gehen auf das Jahr 1851 zurück. Wohl am bekanntesten wurde der, den die schwäbische Pfarrersfrau Lang aus Maulbronn im Jahre 1883 für ihren Sohn Gerhard anfertigte. Sie nähte 24 kleine Gebäckstücke auf einen Karton und versüßte dem Junior das Warten aufs Christkind. Gerhard Lang selbst griff als Teilhaber der lithographischen Anstalt Reichhold & Lang in Schwabing sein Kindheitserlebnis auf und druckte ab 1908 den „Münchener Weihnachts-Kalender“. Die Kekse ersetzte er durch farbenprächtige Zeichnungen, die man ausschneiden und auf Kalenderfelder kleben konnte. Hinterklebte Kalender mit zu öffnenden Fensterchen kamen nach 1920 in Mode und wurden in dem besagten Betrieb schließlich in 30 Motiven herausgegeben. Aus der seinerzeit in Dresden ansässigen Süßwarenfabrik Petzold & Aulhorn stammten erste mit Schokolade gefüllte Kalender.

„Die kleine Stadt“

Eine alte Aufnahme zeigt Firmengründer Richard Sellmer bei der Arbeit im Verlagshaus.
Firmengründer Richard Sellmer.

1946 produzierte der Stuttgarter Verleger Richard Sellmer – anfangs im Wohnzimmer – als erstes Motiv „Die kleine Stadt“ vollständig von Hand und stellte den Kalender auf der Frankfurter Messe vor. Amerikanische Einkäufer wurden auf diesen deutschen Brauch zur Adventszeit aufmerksam und importierten fortan Adventskalender aus Stuttgart-Rohr. Präsident Eisenhower und First Lady Nixon gehörten zu den Kalenderliebhabern, jedes Jahr wurde in den USA eine Adventskalender-Königin gekürt. Bis 1950 wurden Adventskalender hauptsächlich in Handarbeit produziert – Arbeiten, die heute natürlich moderne Maschinen verrichten. Jahr für Jahr verlassen einige Millionen Adventskalender mit über 100 verschiedenen Motiven die Stuttgarter Firma. Bei diesem in Deutschland einzigen Spezialisten für die adventlichen Zeitmesser „weihnachtet“ es das ganze Jahr über. 1989 wurde nach einem Motiv des Sortiments gar ein Adventskalender von über 12 Metern Höhe gefertigt.

Die Motive des Bildhintergrundes mögen Modeeinflüssen unterworfen sein und den religiösen Bezug oft verloren haben. Doch für Kinder und viele Erwachsene ist das Öffnen eines Adventskalendertürchens im Dezember auch heute noch ein ganz besonderes Ritual. Wie der Tannenbaum zu Heiligabend, gehört der Adventskalender zu einer schönen Tradition.

Text: Karl-Heinz Wiedner (storymacher), Fotos: storymacher