Altöttinger Liebfrauenbote

Ein Besuch bei Bischof Sergio Alfredo Gualberti Calandrina in Bolivien

Vom Widerspruch, christlich und arm zu sein

Unter dem Motto „Mitten unter euch“ stellt die Bischöfliche Aktion Adveniat 2012 Comunidades Eclesiales de Base, Kirchliche Basisgemeinden, in den Mittelpunkt. Sergio Gualberti, Bischof der Erzdiözese Santa Cruz de la Sierra, kümmert sich mitten im bolivianischen Tiefland um die Basisgemeinden.

Portraitbild von Sergio Gualberti, Bischof der Erzdiözese Santa Cruz de la Sierra.
Sergio Gualberti, Bischof der Erzdiözese Santa Cruz de la Sierra.

Es ist heiß und staubig, und der wild aufkommende Wind trägt den Sand in die kleine San-Judas-Tadeo-Kirche hinein. Hier warten 40 Jugendliche und ihre Angehörigen auf die Firmung. Erzbischof-Koadjutor Sergio Alfredo Gualberti Calandrina parkt seinen Jeep hinter der Kirche, im Schatten, dort, wo die mexikanische Mariachi-Kapelle auf ihren Auftritt wartet. Mittlerweile erstaunt ein Auftritt mexikanischer Kapellen mitten im bolivianischen Tiefland nicht mehr, man trifft ja überall auf sie. Auch dass sie wenig später Lieder von „Simon and Garfunkel“ in der Kirche spielen, ist nichts Neues. Zu „Sound of Silence“ zieht Mons. Gualberti schließlich in die Kirche ein. Von seinem Bischofssitz Santa Cruz de la Sierra ist er gut eine Stunde Richtung Westen gefahren, bis er an den kleinen Ort Puerto Pailas kam. Es ist trocken und heiß, ganz anders, als man sich das an den Amazonasregenwald angrenzende Gebiet vorstellen würde.

Seit über 30 Jahren ist Gualberti bereits in Bolivien. Er stammt aus dem italienischen Bergamo, wie so viele seiner Mitbrüder, die dank einer Partnerschaft des Bistums Bergamo mit dem ärmsten Land Südamerikas hierher kamen. Hier kann er sich voll und ganz seiner Arbeit für die Ärmsten der Gesellschaft hingeben. „Lateinamerika lebt einen großen Widerspruch, wie wir ihn so auf keinem anderen Kontinent erleben: nämlich christlich und gleichzeitig arm zu sein.“ Er weiß, wovon er spricht. Nach 20 Jahren in einer Gemeinde in La Paz ist Gualberti heute Bischof der Erzdiözese Santa Cruz de la Sierra mit Nachfolgerecht für das Erzbischofsamt. Das ist in Bolivien ein schwieriges Amt, führt das Tiefland um Santa Cruz doch seit Jahren einen Kampf um mehr Unabhängigkeit von der hoch in den Anden sitzenden Zentralregierung.

Gegensätze zwischen dem andinen Hochland und dem tropischen Tiefland

Mons. Sergio Gualberti bei der Kommunionsfeier in der Kapelle "San Judas Tadeo" in Puerto Pailas.
Mons. Sergio Gualberti bei der Kommunionsfeier in der Kapelle "San Judas Tadeo" in Puerto Pailas.

„Bolivien, also das Hochland, hat das östliche Tiefland erst im Laufe des Chaco-Krieges (1932-35) überhaupt wahrgenommen“, berichtet Gualberti. „Und die Gegensätze zwischen dem andinen Hochland und dem tropischen Tiefland sind riesig. Man hatte bis vor wenigen Jahre praktisch keinen Kontakt zueinander.“ Als zukünftigem Erzbischof wird Gualberti nun die Rolle des Vermittlers zwischen den beiden Teilen Boliviens zufallen. Und das ist nicht immer leicht. So liegt der gesundheitlich angeschlagene Erzbischof von Santa Cruz und Kardinal, Julio Terrazas, oft im Clinch mit Präsident Evo Morales. Ihm wird Gualberti eines Tages folgen, zumindest auf den Stuhl des Erzbischofs.

Dann wird er für 2,5 Millionen Menschen verantwortlich sein, in einer Diözese, die mit 55.000 Quadratkilometern größer als Niedersachsen ist. Wenn er wankelmütig im Angesicht der kommenden Aufgaben wird, blickt er auf eine Bibelstelle: „Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit.“ (2 Kor 12,9) Einfach war es in Bolivien dabei nie. Als Gualberti 1979 hierher kam, durchlebte das Land gerade eine grausame Militärdiktatur. „Die Kirchlichen Basisgemeinden waren damals ein Ort der Freiheit inmitten der Diktatur, ein Ort, an dem die Laien ihren Bund mit Gott in Taten umsetzen konnten, in der Nachfolge der ersten christlichen Urgemeinschaft der Jünger Jesu.“

Es war die Hochzeit der Basisgemeinden, der CEBs, wie sie hier heißen, in denen sich die Unterdrückten trafen und sich gegenseitig Mut machten. Wie vor 2.000 Jahren in den christlichen Urzellen. Später wurde Gualberti dann Beauftragter des Lateinamerikanischen Bischofsrates CELAM für die Kirchlichen Basisgemeinden. In dieser Funktion setzte er sich 2007 bei der Generalversammlung der Bischöfe Lateinamerikas in Aparecida dafür ein, dass die Kirchlichen Basisgemeinden im Schlussdokument besondere Erwähnung fanden.

Gern unter Menschen

Prozession nach der Kommunionsfeier in der Kapelle "San Judas Tadeo" in Puerto Pailas.
Prozession nach der Kommunionsfeier in der Kapelle "San Judas Tadeo" in Puerto Pailas.

Er ist gerne unter den Menschen, das merkt man ihm in der kleinen Kirche von Puerto Pailas an. Fast freundschaftlich nähert er sich den Jugendlichen, die ob ihrer Schüchternheit dem Bischof kaum Antworten geben. Draußen wartet schon die nächste Kapelle, die der Prozession zu Ehren des heiligen Judas Thaddäus, des „Patrons der verzweifelten und hoffnungslosen Fälle“, voranschreitet. Gualberti geht ein paar Meter mit, dann muss er weiter. Der Sonntag ist ein mit Terminen vollgestopfter Tag für einen Bischof.

Wenige Kilometer weiter liegt Cotoca, ein verschlafenes Dorf, wie so viele hier. Kaum zu glauben, dass jeden Dezember hier eine halbe Million Gläubige an der Wallfahrt zu Ehren der „Virgen de Cotoca“ teilnehmen. Gualberti bereitet heute die diesjährige Feier vor, alles muss stimmen an jenem 8. Dezember. Die Jungfrau gilt schließlich als Schutzpatronin des östlichen Boliviens. Und Schutzpatrone kann Gualberti demnächst bestimmt gut gebrauchen.

Am Abend hält Gualberti gemeinsam mit Kardinal Terrazas und Vertretern der jüdischen und islamischen Gemeinden einen ökumenischen Gottesdienst vor der Kathedrale von Santa Cruz ab. „Lasst uns in Pilger des Friedens verwandeln!“, ruft Kardinal Terrazas den Menschen zu. Es sind Zeiten der Gegensätze, der Konflikte, des Wandels. Ein Protestmarsch von Tieflandindios ist erst vor wenigen Tagen in La Paz angekommen, wo er Boliviens Präsident Evo Morales zu gewichtigen Zugeständnissen gezwungen hat. Die eigenen Rechte einzuklagen ist oft mühsam in Bolivien, und meist ist Gewalt mit im Spiel.

Grundsätzlich hat Gualberti nichts gegen den vor einigen Jahren von Präsident Evo Morales eingeleiteten „Wechsel“, den „cambio“. Schließlich soll der die stets an den Rand der bolivianischen Gesellschaft gedrängten Indigenen endlich zu vollwertigen Bürgern werden lassen, und Gualberti hat stets die Option für die Armen und Ausgestoßenen getroffen. „Aber der cambio muss unter Achtung von Demokratie und Menschenrechten geschehen.“ Und er darf vor allem nicht dazu führen, dass der ohnehin schon tiefe Graben zwischen dem Hoch- und dem Tiefland noch breiter wird. Auf Sergio Gualberti wartet Arbeit.

Thomas Milz / Fotos: Jürgen Escher, Adveniat

In der Adventszeit ist Bischof Sergio Gualberti in den deutschen Bistümern unterwegs. Er teilt mit uns seine Erfahrungen, die auch in Deutschland Wege aufzeigen können, als Kirche vor Ort lebendig zu sein. Die Eröffnung der bundesweiten Adveniat-Aktion findet am 2. Dezember 2012 in Hildesheim statt. Schlusspunkt ist die traditionelle Weihnachtskollekte für ganz Lateinamerika und die Karibik, die am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Gemeinden Deutschlands stattfindet. Adveniat freut sich über jede Spende auf das Spendenkonto 345 bei der Bank im Bistum Essen (BLZ 360 602 95).

Bildergalerie

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Kommunionsfeier in der Kapelle "San Judas Tadeo" in Puerto Pailas.
Kommunionsfeier in der Kapelle "San Judas Tadeo" in Puerto Pailas.
Kathedrale in Santa Cruz, der größten Stadt von Bolivien.
Gemeinsames "Gebet für den Frieden" aller Relgionen vor der Kathedrale in Santa Cruz (u. a. mit Mons. Sergio Gualberti, Weihbischof von Santa Cruz und Kardinal Julio Terrazas).
Wallfahrtsort Cotoca mit der "Virgen de Cotoca".
Mons. Sergio Gualberti.