Altöttinger Liebfrauenbote

Rosa Nattes kümmert sich im bolivianischen Cochabamba um christliche Basisgemeinden

Lebendige Zellen voll Licht und Hoffnung

Unter dem Motto „Mitten unter euch“ stellt die Bischöfliche Aktion Adveniat 2012 Comunidades Eclesiales de Base, Kirchliche Basisgemeinden, in den Mittelpunkt. In den Basisgemeinden Lateinamerikas werden nicht nur engagierte Christinnen und Christen ausgebildet, sondern auch mündige, kritische und aktive Bürger. Die Basisgemeinden verbinden Bibellektüre, Gottesdienst, Gebet und geistliches Leben mit gesellschaftlichem Engagement. Im bolivianischen Cochabamba kümmert sich Rosa Nattes um christliche Basisgemeinden.

Blick auf Cochabamba, viertgrößte Stadt Boliviens.
Blick auf Cochabamba, viertgrößte Stadt Boliviens.

Wer sich einen Überblick über Cochabamba machen will, fährt am besten hoch auf den Cerro de San Pedro, auf dem eine 40 Meter hohe Christusstatue thront. Rosa Nattes schaut über das von den Anden umringte Hochplateau, auf dem sich Cochabamba ausbreitet. Mit etwa 2.400 Metern Höhe liegt man gut 1.000 bis 1.500 Meter unter den die Stadt umringenden Bergen. Ein erster Zwischenstopp auf dem Weg hinab in die von dichtem Regenwald überzogenen Tiefebenen Boliviens. In den letzten Jahrzehnten ist Cochabamba kräftig gewachsen, hauptsächlich dank der aus dem Hochland kommenden Indigenen, allen voran den Menschen aus dem Departamento Oruro, die vor den harschen Klimabedingungen dort geflohen sind. Auch Rosa Nattes stammt aus dem Hochland, genauer aus einem kleinen Dorf im Departamento La Paz. Mit sieben Jahren ging sie mit ihren Eltern ebenfalls nach Oruro. Sie kennt sich also aus, weiß, was die hier gestrandeten Menschen bedrückt.

Seit jenen Kindertagen in Oruro ist sie in der katholischen Kirche aktiv. Und seit Jahren koordiniert sie in Cochabamba die insgesamt 32 Kirchlichen Basisgemeinden, Keimzellen der Kirchenarbeit in der Stadt. Wir sind vom San Pedro Hügel hinab zum südlichen Stadtrand gefahren, nach Villa Sebastián Pagador, einem Viertel mit fast 50.000 Einwohnern, Indigenen die aus Oruro hierherkamen, um im Bergbau zu arbeiten. Doch für die meisten zerplatzte der Traum, und jetzt heißt es als fliegende Händler über die Märkte der Peripherie zu tingeln, dort, wo die aus dem Tiefland angelieferten und die aus dem Hochland hinabkommenden Waren verkauft werden.

Sparen für den Kirchenbau

Portrait von Rosa Nattes.
Rosa Nattes.

In Villa Pagador fehlt es an nahezu allem, Infrastruktur, Schulen, Krankenhäusern. Immerhin gibt es eine funktionierende Müllabfuhr, dank der örtlichen Basisgemeinde. Diese unterhält seit Jahren ein Sozialunternehmen, das das Viertel vom Müll befreit. Doch die Gläubigen wollen mehr. Nachdem die Stadtverwaltung beschlossen hat, die alte Kirche des Viertels abzureißen, träumt die Basisgemeinde von einem Neubau. Das Grundstück haben sie bereits, jetzt sparen sie für den Bau.

Rosa Nattes sorgt dafür, dass die Mitglieder der Basisgemeinde von Villa Pagador Schulungen in kircheneigenen Workshops erhalten. Nur so können Probleme sachgerecht angegangen werden. „Und so sind wir Bauarbeiter des Reiches Gottes auf Erden“, meint Nattes. „Mein Traum ist es, zu leben, um den Frieden zu suchen, auf dass wir alle in Gleichheit und Gerechtigkeit leben können. Das ist der Traum, den ich habe…“ Gleich und gerecht geht es in Villa Pagador nicht zu. Inmitten der armen Hütten stechen neu gebaute Luxusvillen hervor. Deren Bau habe die Preise für Baumaterial und Grundstücke in die Höhe getrieben, klagen die Menschen. Woher das Geld stamme? Drogen, sagt man uns hinter vorgehaltener Hand. Bolivien versorgt mittlerweile die Nachbarländer mit Kokainpaste, die zu Crack weiterverarbeitet werden kann.

Selbstorganisation

CEB-Koordinatoren halten sich an der Hand und stimmen sich auf ein Treffen ein.
CEB-Koordinatoren stimmen sich auf ein Treffen ein.

Die Kokapflanze ist für die Indigenen ein Kulturgut Boliviens, Nahrungszusatz und Medizin gegen die Höhenkrankheit. Die Kokabauern sind die stärkste organisierte Kraft in Cochabamba. Staatspräsident Evo Morales, der ebenfalls aus Oruro stammt, ist noch heute Chef der lokalen Kokabauerngewerkschaft Cochabambas. Über Politik und Drogen redet Rosa Nattes nicht gern, sie hält sich lieber an die konkrete Arbeit innerhalb der Kirchenorganisation. So wie heute Nachmittag im Gemeindezentrum von Santa Ana de Cala-Cala, gelegen am Stadtrand Cochabambas. Heute geht es um die Aufgaben der Leiter einer Basisgemeinde. Enrique Cruz Ravelo, seit über 30 Jahren aktiv in den Kirchlichen Basisgemeinden und Rosa Nattes’ wichtigster Mitstreiter, hält den Vortrag. Er spricht über die 1960er-Jahre, als auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil und der Generalversammlung der Bischöfe Lateinamerikas in Medellín die Selbstorganisation der Gemeinden willkommen geheißen wurde.

„Es geht darum, der Kirche Leben einzuhauchen, sie zu animieren.“ Enrique ist ein Mann der Praxis. „Kommt ein Priester, dann ist das gut so. Kommt keiner, dann feiern wir die Liturgie selber.“ Cochabamba sei schnell gewachsen, die Kirche sei nicht hinterhergekommen, überall präsent zu sein. Enrique ist stolz darauf, dass die Basisgemeinden vielerorts zuerst da waren, oft Jahre bevor die Priester hier ankamen.

Enrique und Rosa führen uns in den Stadtteil Bartos, an der Peripherie Cochabambas. Hier ist seit 40 Jahren die Basisgemeinde „Luz y Esperanza – Licht und Hoffnung“ zu Hause. Später ging sie mit der Ankunft des Padre in die Pfarrei San Gerardo über. Ein Dutzend Vertreter verschiedener CEBs haben sich in einen Halbkreis gesetzt, in dessen Mitte sie ein großes Tuch ausgebreitet haben. Zuerst bedecken sie dieses mit Erde, anschließend nach und nach mit Pflanzen, Ästen, Spielzeugtieren, Lebensmitteln, Blumen, zünden Kerzen an, stellen Wasserschalen daneben und legen zum Schluss die Bibel mit dazu. Es erinnert an Rituale zur indigenen Kosmologie der Aymaras und Quechuas. Die Welt als Einheit, als ewiger Kreislauf, in der sich die Gegensätze ergänzen und ineinander aufgehen.

Nach und nach berichten die Mitglieder der Gruppe über die Wichtigkeit, die die CEBs in ihrem Leben haben. Es sind ergreifende Geschichten dabei, wie die von José Aguilar, einem Mann mit verausgabtem Gesicht, aus dem Leid und gleichzeitig dessen Überwindung zu sprechen scheinen. Er hat seinen Sohn verloren, berichtet er unter Tränen. „Wie kann es Menschen geben, die keinen Glauben haben? Glaubt, habt Hoffnung!“, ruft er den schweigend lauschenden Glaubensbrüdern zu. Danach geht es um Politik, Evo Morales und die Rolle der Indigenen in der „neuen bolivianischen Gesellschaft“. Die Diskussionen gehen bis spät in den Abend, bis man sich umarmt und ein jeder zurück in seine Gemeinde geht. „Die Basisgemeinden sind keine Bewegung der Kirche, sondern sind Kirche in Bewegung, sind lebendige Zellen“, resümiert Rosa Nattes.

Text Thomas Milz, Fotos: Jürgen Escher, Adveniat

In der Adventszeit ist Rosa Nattes in den deutschen Bistümern unterwegs. Sie teilt mit uns ihre Erfahrungen, die auch in Deutschland Wege aufzeigen können, als Kirche vor Ort lebendig zu sein. Die Eröffnung der bundesweiten Adveniat-Aktion findet am 2. Dezember 2012 in Hildesheim statt. Schlusspunkt ist die traditionelle Weihnachtskollekte für ganz Lateinamerika und die Karibik, die am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Gemeinden Deutschlands stattfindet. Adveniat freut sich über jede Spende auf das Spendenkonto 345 bei der Bank im Bistum Essen (BLZ 360 602 95).

Bildergalerie

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Rosa Nattes besucht die Christus-Statur auf dem höchsten Berg in Cochabamba.
Die Fiesta "Virgen Rosário-Unsere liebe Frau vom Rosenkranz" findet jährlich am 23.Oktober in Carcaje am Staudamm von Langostura statt. Gruppen aus allen Dörfern kommen in ihren fantasievollen Kostümen zum feiern.
Prozession bei der Fiesta "Virgen Rosário-Unsere liebe Frau vom Rosenkranz".
Hl. Messe bei der Fiesta.
Rosa Nattes beim Einkauf auf em Markt bei der Fiesta.
Gottesdienst in der provisorischen Kapelle "Misionera San Eugenio de Mazenod (Oblaten)".
Müllprojekt: Im selbstorganisierten Müllprojekt der Gemeinde werden 50 % der Kosten von der Stadt getragen. So wurden zahlreiche Arbeitsplätze geschaffen.
Im Stadtteil Tirana hoch in den Bergen von Cochabamba findet ein Basisgemeindentreffen statt.
Besuch der Gemeinde "Luz y Esperanza" (Kirche San Gerardo) im Stadtteil Bartos ("Pachamama"-Andacht).
Besuch der Gemeinde "Luz y Esperanza" (Kirche San Gerardo) im Stadtteil Bartos ("Pachamama"-Andacht).
Rosa Nattes im Gespräch mit Jugendlichen.
40 Meter hohe Christusstatue auf dem Cerro de San Pedro.
In der Kirche "Santana de Cala Cala" im gleichnamigen Stadtteil trifft sich wöchentlich der Bibelkreis.
Altstadtkirche in Cochabamba, der viertgrößten Stadt Boliviens.