Altöttinger Liebfrauenbote

Julián Marcelino Cruz Alarcón ist Koordinator der Basisgemeinden in der Erzdiözese La Paz

Hoffnung an den Steilhängen von La Paz

Unter dem Motto „Mitten unter euch“ stellt die Bischöfliche Aktion Adveniat 2012 Comunidades Eclesiales de Base, Kirchliche Basisgemeinden, in den Mittelpunkt. Julián Marcelino Cruz Alarcón ist Koordinator der Basisgemeinden in der Erzdiözese La Paz.

Portrait von Marcelo Cruz.
Marcelo Cruz.

La Paz gleicht einem Trichter. Den oberen Rand bildet dabei El Alto, eine in den letzten Jahren rasant gewachsene Schlafstätte für die Arbeiter von La Paz. Am anderen Ende, gut 500 Höhenmeter weiter unten, liegen an der schmalen Trichteröffnung die Nobelviertel der Stadt. Dazwischen liegt hauptsächlich unwirtliches Gebiet, wo an den zum Tal hin steil abfallenden Hängen die braun-grauen Armenviertel regelrecht zu kleben scheinen. Hier findet in der Gemeinde „Santiago Apóstol“ im Stadtteil Munaypata das 16. Treffen der Basisgemeinde der Erzdiözese La Paz statt. Gastgeber ist der italienische Padre Fausto Dossi, der die Teilnehmer auffordert, ihre Augen zu erheben und den Realitäten ins Gesicht zu schauen. Die Basisgemeinden und die Gläubigen müssten sich zeigen, bemerkbar machen, und sich nicht mehr verstecken.

„Wir sind mitten in der Wüste, und jetzt müssen wir entscheiden, ob wir zurück nach Ägypten gehen oder weiter vorwärts“, sagt Julián Marcelino Cruz Alarcón, Koordinator der Basisgemeinden in der Erzdiözese La Paz. In den 80er-Jahren seien die Gemeinden Keimzellen sozialen und politischen Engagements inmitten der Unterdrückung durch das Militärregime gewesen, so Cruz. Doch jetzt sei das Engagement ein wenig eingeschlafen, auch weil es statt der Diktatur von früher Demokratie gibt und die Regierung von Evo Morales viele soziale Themen besetzt hat. Zumindest im offiziellen Diskurs. In Wahrheit sei die Situation vieler Menschen in den Peripherien der großen Städte oft trostlos.

Cruz ist ein Aymara, die die größte indigene Ethnie in Bolivien bilden – und die Mehrheit der an der Peripherie lebenden Menschen, sowohl sozial wie auch räumlich an den Rand gedrängt. Die Aymaras bewohnen traditionell die karge Region der Hochanden, was vielleicht ihre verschlossene Art erklärt. Als Nicht-Aymara mit ihnen in Kontakt treten zu wollen, kann ein frustrierendes Erlebnis sein. Andererseits war es wohl diese Verschlossenheit, die die Aymaras vor der Entkulturalisierung im Zuge der spanischen Eroberung bewahrt hat. Marcelo Cruz interpretierte jene für die Aymaras typische Abschottung stets als Schüchternheit, die ihn selbst als Kind nahezu apathisch machte. Nur langsam habe er im Laufe der Jahre durch die Arbeit für die Kirche gelernt, diese Schüchternheit zu überwinden. Auch er musste lernen, die Augen zu erheben.

„Es gibt keinen Padre hier oben, der für uns zuständig ist“

Marcelo Cruz tanzt mit Aymara-Indigenas in La Paz einen traditionellen Tanz ihrer Volksgruppe.

Wir sind fast am oberen Rand des Trichters angekommen, dort wo die Peripherie von La Paz in die Nachbarstadt El Alto übergeht. Es ist schon spät am Abend, und unter uns breitet sich der Talkessel von La Paz in einem schier unendlichen Lichtermeer aus. In einer kleinen, einräumigen Hütte empfängt uns Andrea Villazanti, eine Aymara-Frau deren genaues Alter im schwachen Licht einer einsam von der Decke herabbaumelnden Glühlampe nicht zu definieren ist. Die Haut von der Sonne und der Kälte rot gegerbt, gekleidet in die schweren Röcke mit über die Schultern geworfenen bunten Decken. Dazu der unvermeidliche schwarze Hut.

Andrea steht der Basisgemeinde „Tupak Amaru“ vor. Heute haben sich acht Mitglieder eingefunden, um gemeinsam mit Marcelo Cruz einen Wortgottesdienst zu feiern. Die meisten Lieder singen sie auf Aymara, das Spanische kommt eher holprig daher. „Es gibt keinen Padre hier oben, der für uns zuständig ist“, erklärt Andrea die Situation der Kirchlichen Basisgemeinde. Sie reicht heißen Tee und Selbstgebackenes herum, die Nacht ist kühl. „Die offizielle Kirche kommt dahin, wo Kirchen stehen und Gemeinden ein Heim haben“, gibt Marcelo Cruz zu bedenken. „Aber hier, wo sie nicht präsent sein kann, sind wir es, die CEBs.“ Er nimmt einen Schluck warmen Tee, um sich zu wärmen.

Bei der Familie Saavedra Romero ist es am nächsten Abend wesentlich gemütlicher. Wir sind nahe des Stadtzentrums in einem schmucken Mittelklassehaus. Susana Saavedra und ihr Mann José Romero stehen der Basisgemeinde „Cristo Rey“ vor. Zu Ehren von Marcelo Cruz haben sie die gesamte Familie im Wohnzimmer versammelt. Sie beginnen mit einem Gebet und einigen Liedern. Dann sprechen sie über die politische Lage. Ein Protestmarsch von Tieflandindios nähert sich der Stadt, und man will ihnen auf dem nahe gelegenen Andenpass entgegengehen. Warme Kleidung brauchen die aus wärmeren Gefilden Kommenden und eine heiße Suppe. Gemeinsam mit Marcelo Cruz planen sie eine konzertierte Aktion der umliegenden Basisgemeinden.

Voller Tatendrang

Treffen der Basisgemeinde; sieben Mitglieder der kleinen Gemeinde unterhalten sich in einem kleinen Zimmer.
Die kleine Basisgemeinde "CEB Tupac Amaru" trifft sich im Haus von Andrea Villazanti (links). Marcelo Cruz (2.v.l.), der Koordinator der CEB's in La Paz ist heute Abend zu Besuch.

Sechzig „Comunidades Eclesiales de Base“, CEBs, wie die Kirchlichen Basisgemeinden hier heißen, unterstehen der Verantwortung von Marcelo Cruz. In seinem kleinen Büro am Sitz des Erzbischofs im Stadtzentrum von La Paz hängt ein Bild von Luis Espinal, einem spanischen Jesuiten und Filmemacher, der seinen selbstlosen Einsatz für die Ärmsten der Armen der bolivianischen Gesellschaft mit dem Leben bezahlen musste. Der Militärdiktatur war sein Streben nach Gerechtigkeit zu subversiv. „Luis Espinal war ein Mensch, dem ich nachzueifern versuche“, erklärt Marcelo Cruz. Als Jugendlicher arbeitete Marcelo Cruz mit Espinal zusammen, gemeinsam arbeiteten sie an Film- und Fotoprojekten. „Sein Tod hat mir die Energie gegeben, weiterzumachen und niemals aufzugeben.“

Um den Arbeitstisch in seinem Büro hat sich ein halbes Dutzend Mitarbeiter der Erzdiözese versammelt, um gemeinsam die Aktivitäten der nächsten Wochen zu organisieren. Marcelo Cruz ist voller Tatendrang. Die CEBs wieder zu neuem Leben erwecken, das ist sein Traum. Motivation nimmt er dabei auch aus den jüngsten Entwicklungen innerhalb der Kirche, die bei der Generalversammlung der Bischöfe Lateinamerikas 2007 im brasilianischen Aparecida die Position der Basisgemeinden wieder stärkte. „Aparecida fordert uns auf, aktiv zu werden, und gibt uns mehr Raum dafür. Denn Christen sind nicht einfach nur Menschen des Gebets und der Gottesdienste, sondern müssen ihr Zeugnis auch außerhalb des Kirchengebäudes abgeben. Und zwar genau dort, wo sie leben.“ Im Falle von Marcelo Cruz sind dies die steilen Hänge von La Paz.

Text: Thomas Milz, Fotos: Jürgen Escher, Adveniat

Unter dem Motto „Mitten unter euch“ stellt die Bischöfliche Aktion Adveniat 2012 Comunidades Eclesiales de Base, Kirchliche Basisgemeinden, in den Mittelpunkt. In der Adventszeit ist Marcelo Cruz in den deutschen Bistümern unterwegs. Er teilt mit uns seine Erfahrungen, die auch in Deutschland Wege aufzeigen können, als Kirche vor Ort lebendig zu sein. Die Eröffnung der bundesweiten Adveniat-Aktion findet am 2. Dezember 2012 in Hildesheim statt. Schlusspunkt ist die traditionelle Weihnachtskollekte für ganz Lateinamerika und die Karibik, die am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Gemeinden Deutschlands stattfindet. Adveniat freut sich über jede Spende auf das Spendenkonto 345 bei der Bank im Bistum Essen (BLZ 360 602 95).

Bildergalerie

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Das 16. Basisgemeindentreffen in La Paz fand im Stadtteil Munaypata mit Hunderten von Teilnehmern statt. Padre Fausto Dossi und Marcelo Cruz begrüßen die Teilnehmer in der Außen-Sporthalle des Schulzentrums.
16. Basisgemeindentreffen in La Paz.
16. Basisgemeindentreffen in La Paz.
16. Basisgemeindentreffen in La Paz – Marcelo begrüßt Teilehmer.
Marcelo Cruz beim gemeinsamen Bibellesen mit seiner Familie (von links: Abraham, Marcelo, Ehefrau Esther Morales, Ines, Christian).
Tupac Amaru liegt an der Peripherie (El Alto) in La Paz. Die kleine Basisgemeinde "CEB Tupac Amaru" trifft sich im Haus von Andrea Villazanti, die zur Feier des Besuches von Marcelo Cruz die Kerzen vor dem Hausaltar anzuendet.
Treffen der Basisgemeinde "CEB Tupac Amaru".
Marcelo redet beim 16. Basisgemeindentreffen in La Paz.
Hausaltar der Familie von Marcelo Cruz.